Plakat Konzert März 1998

Hanns Eisler
GEGEN DEN KRIEG
Thema und Variationen für gemischten Chor a cappella
nach Worten von Bertolt Brecht.
Thema
Als der letzte Krieg vorüber war
Gab es Sieger und Besiegte.
Bei den Besiegten das nied’re Volk
Hungerte. Bei den Siegern
Hungerte das nied’re Volk auch.
1. Variation
Die das Fleisch wegnehmen vom Tisch
Lehren Zufriedenheit.
Die, für die die Gaben bestimmt sind
Verlangen Opfermut.
Die Sattgefressenen sprechen zu den Hungrigen
Von großen Zeiten, die kommen werden.
2. Variation
Die das Land in den Abgrund stürzen
Nennen das Regieren zu schwer
Für den einfachen Mann.
3. & 4. Variation
Wenn die Ob’ren vom Frieden sprechen
Mann auf der Straße
Laß alle Hoffnung fahren.
Wenn die Ob’ren Nichtangriffspakte schließen
Kleiner Mann
Mach dein Testament.
5. Variation
Wenn der Krieg kommt, wird sich vieles vergrößern.
Es wird größer werden:
Der Reichtum der Herrschenden.
Es wird größer werden:
Das Elend der Ausgebeuteten, der Hunger, Not
Die Ungerechtigkeit und Unterdrückung.
Die werden größer werden.
6. & 7. Variation
Auf der Mauer stand geschrieben:
Sie wollen Krieg.
Der es geschrieben hat
ist schon gefallen.
8.–10. Variation
Wenn die Ob’ren vom Frieden reden
Weiß das gemeine Volk,
Daß es Krieg gibt.
Wenn die Ob’ren den Krieg verfluchen
Sind die Gestellungsbefehle schon ausgeschrieben
Wenn die Ob’ren von Ehre reden
Weiß das gemeine Volk
Daß es Krieg gibt.
Wenn die Ob’ren uns Ruhm versprechen
Sind die Gestellungsbefehle schon ausgeschrieben.
Wenn sie reden von großen Zeiten
Weiß das gemeine Volk
Daß es Blut gibt.
Wenn die Ob’ren von Opfern sprechen
So meinen sie unser Blut.
Intermezzo. 11.–13. Variation
Sie reden wieder von großen Zeiten.
Marie, weine nicht.
Sie reden wieder von Ehre.
Marie, weine nicht.
Sie reden wieder von Siegen.
Marie, weine nicht.
14. Variation
Wenn es zum Marschieren kommt:
Euer Feind marschiert an der Spitze.
Die Stimme, die euch kommandiert
Ist die Stimme eures Feindes.
Wer da vom Feind spricht
Ist unser Feind.
In der Schlacht
Habt ihr den Feind im Rücken.
15.–17. Variation
General, dein Tank ist ein starker Wagen.
Er bricht Wälder nieder. Er zermalmt hundert Menschen.
Aber er hat einen Fehler:
Er braucht einen Fahrer.
General, dein Bombenflugzeug ist stark.
Es fliegt schneller als der Sturm und trägt mehr als ein Elefant.
Aber es hat einen Fehler:
Es braucht einen Monteur.
General, der Mensch ist sehr brauchbar.
Er kann fliegen, er kann töten.
Aber er hat einen Fehler:
Er kann denken.
18. & 19. Variation
Das Brot der Hungrigen ist aufgegessen.
Das Fleisch kennt man nicht mehr.
Der Schweiß des Volkes ist nutzlos vergossen.
Aus den Schloten der Munitionsfabriken
Steigt Rauch.
Fuge. 20.–24. Variation
Dieser Krieg ist nicht unser Krieg.

Text nach: Deutsche Kriegsfibel aus den Svendborger Gedichten von Bertolt Brecht. Svendborg in Dänemark war von 1933 bis 1938 dessen erste längere Station im Exil. Auswahl und Einrichtung der Gedichte durch den Komponisten.
der am 9. Juli 1936 beendeten Komposition bringt Hanns Eisler zum ersten Mal die Zwölftontechnik mit einem politischen Stoff zusammen.
Das Thema, drei Folgen der Zwölftonreihe:
. . . wird in Umkehrung (die Reihe gespiegelt):
. . . im Krebs (die Reihe von rückwärts) und in der Umkehrung des Krebses streng variiert.
Diese für die Zwölftontechnik grundlegende Variationsweise steht durchaus in der Tradition: Johann Sebastian Bach brachte sie im Musikalischen Opfer und in der Kunst der Fuge zur Vollendung.

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