| Die den Mund auf hatten, haben ihn jetzt geschlossen. Auf dem Friedhof geschlossen. Oder in den Kerkern geschlossen. Die andern hielten sich vorher still und halten sich jetzt noch stiller. Wahrlich, wir leben in schweren Zeiten. | ||
| Ihre Fäulnis ist so groß, daß sie jeden ansteckt, der nicht vollständig mit ihnen bricht. Sie dulden nur Künstler, die sie preisen, nur Philosophen, die sie interpretieren, nur Redner, die sie rühmen. Wahrlich, wir leben in schweren Zeiten. | ||
| Sie glauben an ihn und nennen ihn Führer. Aber wohin führt er uns, führt er sich selbst? Kennt ihr den alten Spruch: Intrabit ut vulpis, regnabit ut leo, morietur ut canis? Das heißt zu deutsch: Er wird eintreten wie ein Fuchs, regieren wie ein Löwe, und sterben wie ein Hund. Wahrlich, dann kommen bessere Zeiten. | ||
| Nein | ||
| In unserem Land bringt ein Mensch, ein beliebiger Mensch, ein beliebiger kleiner Mensch die öffentliche Ordnung in Gefahr. | ||
| Tonnen bedruckten Papiers verbreiten die Parolen; tausende Lautsprecher, Scharen von Rednern wiederholen bis zur Besessenheit, bis zur Verblödung aller die Phrasen des Regimes. | ||
| Aber es braucht nur ein Mensch, ein beliebiger Mensch, ein beliebiger kleiner Mensch Nein zu sagen, seinem Nachbarn nur in die Ohren zu flüstern oder Nein nachts an die Mauer zu schreiben, so ist die Ordnung in Gefahr! | ||
| Denn in unserm Land beruht alles auf Einstimmigkeit. Es genügt, wenn einer Nein sagt, und der Zauber ist verflogen, die Ordnung ist in Gefahr, die Revolte hat begonnen und muß unterdrückt werden. | ||
| Aber wenn unser Mann, unser beliebiger Mann gefaßt und getötet wird? Einen Menschen zu töten, der Nein sagt, ist ein gewagtes Ding, weil auch ein Leichnam noch fortfahren kann zu wiederholen: Nein, Nein, Nein. |
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| Und sagt doch selbst, wie kann man einen Leichnam zum Schweigen bringen? |
| Im Mai/Juni 1937 erprobte Eisler die Verbindung von Zwölftontechnik, Faßlichkeit und Agitation an einer Serie von neun Kantaten für Sologesang und vier Instrumente. Durch die knappe Form und den distanzierten, unemotionalen, am Sprechen ausgerichteten Gesang beabsichtigte der Komponist, Erkenntnisse über Herrschaftsverhältnisse, insbesondere über den Faschismus zu vermitteln. |
| Für sieben der Kantaten wählte Eisler Textstellen aus den in den 30er Jahren erschienenen Romanen Fontamara und Wein und Brot von Ignazio Silone (19001978). In dessen Werk gewann die italienische Linke mit ihrem Antifaschismus, ihrer Verwurzelung im Heimatboden, ihrer eigenwilligen Religiosität und stolzen Unabhängigkeit exemplarische Gestalt. Alle Bücher Silones erzählen die Geschichte des unbekannten Revolutionärs, des Mannes ohne Namen und Gesicht, der als Ausgestoßener und Verdammter durch die elenden Dörfer in den Abruzzentälern zieht. (Jürgen Rühle). Silone selbst verließ 18jährig das Priesterseminar und wurde Revolutionär, war Gründungs- und Führungsmitglied der italienischen KP. Er brach aber bereits Ende der 20er Jahre mit der Partei, nachdem er sich auf einer Sitzung der Komintern in Moskau geweigert hatte, eine Stellungnahme Trotzkis zu verurteilen, die niemand von den Delegierten gelesen hatte, ausgenommen Stalin und seine Gefolgschaft. |
| In Wein und Brot aus dem auch die beiden obigen Textstellen sind heißt es: hat das Parteiinteresse nicht schließlich dazu geführt, daß ich jede Unterscheidung zwischen moralischen Werten aufgab? Wäre ich also dem Opportunismus einer in Dekadenz begriffenen Kirche nur entflohen, um mich dem Opportunismus einer Partei zu unterwerfen? |
| Vier der Neun Kammerkantaten wählte Eisler für die in der DDR der 50er Jahre von der Akademie der Künste herausgegebenen Ausgabe der Lieder und Kantaten aus. Hier wurde der Textautor Ignazio Silone verleugnet. Als Verfasser ist entweder keiner genannt (Nr. 2 Römische Kantate) oder es wird eine italienischen Bauernlegende angegeben (Nr. 1 Weißbrot-Kantate) oder es wird Brecht genannt (Nr. 4 Nein, Nr. 7 Die den Mund auf hatten); die Entstehung des Werkes um zwei bis drei Jahre auf 1934/5 vordatiert Erst 1981 wurden in der DDR alle Neun Kammerkantaten in der Serie I, Band 10 der Gesammelten Werke von Hanns Eisler vollständig unter Nennung von Iganzio Silone als Verfasser durch Manfred Grabs herausgegeben. |
| Die Titel der restlichen fünf Kantaten sind: Nr. 3 Man liebt von einem Tag zu dem anderen, Nr. 5 Kantate auf den Tod eines Genossen, Nr. 6 Kriegskantate (alle nach Texten von Silone), Nr. 8 Die Gottseibeiuns-Kantate (Text von Brecht), Nr. 9 Die Zuchthaus-Kantate (vermutlich eigener Text nach einem Zeitungsbericht). |
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