Plakat Konzert November 2000

Mikis Theodorakis
MAUTHAUSEN
MAOYTXÁOYZEN
Liederzyklus für gemischten Chor a cappella
auf einen Text von Jakovos Kambanellis.
Lied der Lieder
O wie schön ist doch meine Geliebte
In ihrem Alltagskleid
Ich seh’ sie vor mir mit ihrem Kämmchen in dem Haar.
Und keiner hat es je gewußt, daß sie so schön ist.
Ihr Mädchen von Auschwitz und von Dachau, ihr Mädchen
Habt ihr gesehen die Geliebte mein?
Wir sahen sie auf einer weiten Reise
Ihr Kleid trug sie nicht mehr
Und auch kein Kämmchen im Haar.
O wie schön ist doch meine Geliebte
Verwöhnt von ihrer Mutter
Verwöhnt von den Küssen ihres Bruders!
Und keiner hat es je gesehn, daß sie so schön ist.
Ihr Mädchen von Mauthausen, ihr Mädchen von Belsen
Habt ihr gesehen die Geliebte mein?
Wir sahen sie auf einem eiskalten Platze
Und mit einer Nummer auf dem weißen Arme
Und einem gelben Stern auf ihrem Herzen.
O wie schön ist doch meine Geliebte
Verwöhnt von ihrer Mutter
Verwöhnt von den Küssen ihres Bruders!
Und keiner hat es je gesehn, daß sie so schön ist.
Antonis
Da drüben auf der breiten Treppe
Dort auf der Treppe der Tränen
Dort in den tiefen Gruben
Dort im Steinbruch der Klagen
Laufen Juden und Partisanen
Und fallen Juden und Partisanen
Felsbrocken schleppend auf den Schultern
Felsbrocken, Zeichen des Todes.
Und dort hört Antonis eine Stimme
Und diese Stimme ruft:
„Ach, Kamerad, ach, Kamerad
Hilf mir, die Treppe zu steigen!“
Doch dort auf dieser breiten Treppe
Dort auf der Treppe der Tränen
Ist solche Hilfe nur Verwünschung
Fluch ist dort jegliches Mitleid.
Der Jude, er fällt dort auf der Treppe
Blutrot färbt sich die Treppe.
„Du, kräftiger Kerl, so komm doch her
Trag’ du die doppelte Last.“
„Ich nehme zwei, ich nehme drei
Ich bin es doch, bin Antonis
Ich sage dir: wenn du ein Mann bist
Komm auf den marmornen Dreschplatz.„
Der Flüchtende
Der Jannos Ber von Norden kam
Hält’s hinter Stacheldraht nicht mehr aus
Faßt sich ein Herz und er bricht aus
Flüchtet in die Dörfer dort im Tal.
„Gib mir Frau, ein wenig Brot
Und Kleider auch zum Wechseln
Ich habe einen langen Weg vor mir
Weit über Seen muß ich fliegen.„
Dort, wo mir folgt auf Schritt und Tritt
Die Furcht entdeckt zu werden
Da! eine Stimme, eine grausame Stimme:
„Versteckt euch vor dem Flüchtenden!“
„Ich bin kein Mörder, Christen, hört
Keine Bestie, die euch verschlingt
Ich bin entflohn aus dem Gefängnis
Um nach Hause zu kommen.„
Ein tödliches Schweigen, Stille
zieht nun über das Land von Bertolt Brecht dahin.
Ach Jannos, der euch nichts getan, übergibt man der SS:
Zum Galgen führen sie ihn jetzt.
Wenn der Krieg vorüber ist
Du Mädchen mit den verweinten Augen
Du Mädchen mit den eiskalten Händen
Wenn dann der Krieg vorbei, darfst du mich nicht vergessen.
Komm’ an das Tor, du meine Freude
Daß wir auf dem Platz uns umarmen
Daß auf der Straße wir uns küssen.
Du Mädchen mit den verweinten Augen
Du Mädchen mit den eiskalten Händen
Wenn dann der Krieg vorbei, darfst du mich nicht vergessen.
Daß wir uns lieben dort in dem Steinbruch
Und dort, wo die Gaskammern stehen
Und an der Treppe, auf dem Wachturm.
Du Mädchen mit den verweinten Augen
Du Mädchen mit den eiskalten Händen
Wenn dann der Krieg vorbei, darfst du mich nicht vergessen.
Die Liebe dort, am hellichten Tage
Und an allen Plätzen des Todes
Und so lang, bis die Schatten schwinden.
O wie schön ist doch meine Geliebte
Verwöhnt von ihrer Mutter
Verwöhnt von den Küssen ihres Bruders!
Und keiner hat es je gesehn, daß sie so schön ist.
Aus dem Griechischen von Helmut Schwäbl,
ergänzt und für Gesang eingerichtet durch Winfried Radeke

Text von Jakovos Kambanellis, geboren 1922 auf Naxos. Dramatiker, Filmregisseur, Schriftsteller, studierte Malerei, 1943–1944 Gefangener im KZ Mauthausen. 1965 veröffentlichte Kambanellis seine Erinnerungen Mauthausen Chronik; auf Anregung seines Verlegers schrieb er dafür eine Reihe von Gedichten. Diesen Zyklus vertonte Mikis Theodorakis noch im gleichen Jahr unter dem Titel Mauthausen, nachdem er bereits 1963 die Musik zu dessen Revue Das Viertel der Engel geschrieben hatte. Ursprünglich ist der Zyklus für eine Singstimme und Instrumente geschrieben und wurde in dieser Form durch Maria Farantouri bekannt. Wir bringen ihn in Theodorakis’ Bearbeitung für gemischten Chor a cappella von Anfang der 80er Jahre.
Text und Musik stecken voller bitterer Ironie: Der Titel des ersten Liedes Lied der Lieder entspricht dem gleichnamigen großen Liebesgedicht in der Bibel (Luther übersetzt Das Hohelied). Wie dort wird hier die Schönheit der Geliebten gepriesen. Das Motiv der Suche nach dem/der Geliebten ist dort ebenso vorhanden, wie auch das Wissen um den Ort, wo er/sie sich aufhält. In der Einleitung zu den Strophen des dritten Teils Der Flüchtende wird die Orchestereinleitung zur Tenorarie nach den Prophetenworten Tröstet mein Volk aus dem Oratorium Der Messias von Georg Friedrich Händel zitiert.
Gerade beim dritten Lied Der Flüchtende scheint Text und Melodie im Widerspruch zueinander zu stehen. Solche Widersprüche sind für die griechische (wie auch jüdische Musik) nicht untypisch.
„In gewisser Hinsicht sind sich die hebräische und die griechische Musik sehr ähnlich, man könnte sagen nah: nicht selten melancholisch anmutende Lieder, nicht selten ein schwermütiger Text, gefaßt in eine lebensfrohe Melodie [oder umgekehrt: ein lebensfroher Text, gefaßt in eine melancholische Melodie d. V.]. Es sind diese, die beiden Völker verbindenden Momente, die auch in einigen Liedern des Mauthausen-Zyklus auftauchen. In der Natur der von Mikis Theodorakis zu den Versen von Iakovos Kambanellis geschaffenen Klänge liegt jenes Geheimnis, das über alle Sprach-Grenzen hinweg schnell eine Basis des Verständnisses für die Botschaft der Mauthausen-Lieder wachsen ließ. Eine heitere Melodie bedeutet nicht unbedingt immer, dem Tod ins Angesicht zu lachen. Aber, ihm zu trotzen.“ (Ina & Asteris Koutoulas „Über Mauthausen“ auf der Homepage von Mikis Theodorakis)
 Transkription des griechischen Textes von Mauthausen

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