Plakat Konzert Juni 1999

Franz Schubert (1797–1828) komponierte die letzte seiner sechs Messen im Sommer 1828 für den Kirchenmusikverein der Dreifaltigkeitskirche im Alsergrund in Wien. Dort wurde sie im Oktober 1829 unter Leitung seines Bruders Ferdinand zum ersten Mal aufgeführt. Die Messe war dann – wie auch die Große C-Dur-Sinfonie oder das C-Dur-Streichquintett – jahrzehntelang vergessen, erst 1865 wurde sie veröffentlicht. Für uns gehört sie neben der Fantasie f-moll für Klavier zu vier Händen, dem erwähnten Streichquintett C-Dur, den Rellstab- und Heine-Liedern (sog. Schwanengesang), den Klaviersonaten c-moll, A-Dur und B-Dur zu der Reihe erstaunlicher Werke, die in seinem Todesjahr entstanden sind. Dazu kommen noch kleinere Auftragskompositionen, wie die Vertonung des 92. Psalm in hebräischer Sprache.
Die Es-Dur-Messe von Franz Schubert ist in der Art „reiner Musik“ angelegt, ihre sechs Teile stehen wie die Sätze einer Sinfonie zueinander: Das Kyrie ist ein Andante als langsame Einleitung mit dem bewegten Christe eleison im Mittelteil. Es folgt das Gloria, ein Allegro mit der anrührenden Danksagung (gratias agimus…) und dem Mittelteil Domine Deo, der in seiner ernsten Eindringlichkeit nicht nur auf den letzten Teil, das Agnus Dei, verweist, sondern auch auf das zwei Monate später entstandene Heine-Lied „Der Atlas“. Dort heißt es in der ersten Strophe :
Ich unglücksel'ger Atlas! eine Welt
Die ganze Welt der Schmerzen muß ich tragen
Ich trage Unerträgliches, und brechen
Will mir das Herz im Leibe.
Wie der Brief an seinen Bruder Ferdinand vom 21. Sept. 1825 zeigt (siehe Aus Briefen und Notizbüchern Franz Schuberts), kann man bei Schubert durchaus von einem Leiden an der Welt sprechen, das sich u. a. in seinen späten Werken (Adagio des Streichquintetts, Andantino der A-Dur-Klaviersonate op. post.) in Ausbrüchen wie hier im Domine Deus ausdrückt.
Den Abschluß des Satzes bildet die große, formal ungewöhnliche Fuge Cum spiritu sancto mit der bis ins letzte gesteigerten Engführung des Themas. Im Credo, einem Moderato, treten zum ersten Mal die Solisten auf, im Kanon singen sie das lyrisch-schöne Et incarnatus est im Wechsel mit dem empörten Crucifixus sub Pontio Pilato des Chores – eine Art Passionsgeschichte im Kleinen. Im Gegensatz dazu werden andere Artikel im Glaubensbekenntnis auffallend gedrängt und stellenweise gekürzt vorgetragen; wieder schließt der Satz mit einer Fuge. Das mächtig anschwellende drängende Sanctus, ein Adagio, bildet den Höhepunkt des Werkes. Im ruhigen Benedictus, einem Andante, treten zum Chor wieder die Solisten.
Dieser Satz scheint wie ein langes Atemholen vor dem Finale Agnus Dei, einem dramatischen Andante con moto, das von dem Viertonmotiv c-h-es-d beherrscht wird:
Dieses Motiv wurde traditionell als Zeichen des Kreuzes interpretiert. Schubert zitiert hier das Thema der cis-moll-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier (Erster Teil) von Johann Sebastian Bach. Im kurze Zeit später entstandenen Lied Der Doppelgänger – dem letzten der Heine-Lieder und eine der beklemmensten Kompositionen Schuberts überhaupt – steht das Motiv in der Oberstimme der unerbittlich wiederkehrenden Begleitakkorde (in der Art einer Passacaglia):
In der Messe tritt die Anrufung Agnus Dei, „Lamm Gottes, das du trägst die Sünde der Welt“ noch ein viertes Mal ein, mitten im dona nobis pacem – was völlig ungewöhnlich ist und den liturgischen Rahmen sprengt. Das gelöste, in seiner Beschwingtheit an das Seitenthema im Finalsatz der Großen C-Dur-Sinfonie erinnernde, dona nobis pacem tönt am Ende der Messe nur noch sehr verhalten und so leise wie das miserere nobis. Angesichts der Heillosigkeit einer gewalttätigen Welt schien der Komponist nicht mehr an den Frieden glauben zu können…
Schubert war zwar in einem Alter um dreißig bereits ein recht erfolgreicher Komponist, aber ein glücklicher Mensch war er deswegen lange nicht. Zu seiner persönlichen Situation nur so viel: 1824 infizierte er sich mit der Syphilis, seit Sommer 1828 verschlechterte sich sein allgemeiner Gesundheitszustand, bevor er im November dem Bauchtyphus erlag.
Seit dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 herrschte das „System Metternich“, das Bündnis der Heiligen Allianz zwischen Österreich, Preußen und Rußland, das nicht nur politisch alle demokratischen freiheitlichen Bestrebungen unterdrückte, sondern auch das geistige Leben knebelte und sich rigoros in die Kunst einmischte: es waltete eine strenge Zensur, begünstigt wurde die italienische Oper und ein oberflächlicher Musikbetrieb: Die sentimentale Wiener Unterhaltungskultur hat hier ihren Ursprung („Wien, Wien, nur du allein...“). Das Schicksal von Schuberts Freund Johann Mayrhofer ist für die Schizophrenie der Zustände im damaligen Habsburgerreich bezeichnend: Von Berufs wegen war er Zensor, außerhalb des Dienstes Dichter, 1836 stürzte er sich aus einem Fenster seiner Behörde…
Nach der Erschütterung durch Aufklärung und Französische Revolution konnte die Komposition geistlicher Musik nur noch als persönliches Bekenntnis überzeugen – über den Rahmen liturgischer Gebrauchsmusik hinaus. Das gilt erst recht für einen Freigeist wie Schubert in der Zeit der politischen Reaktion nach dem Wiener Kongreß. Ein Ausdruck davon ist, mit welchem Schwerpunkt der liturgische Text auskomponiert wird, und das sind hier die auf Jesus Christus – den menschgewordenen Gott – bezogenen Teile des Textes, der im übrigen an einigen Stellen gekürzt ist (was allerdings im 19. Jh. durchaus gängige Praxis war). Wie in allen seinen sieben Meßkompositionen hat Schubert auch in der Es-Dur-Messe im Credo nicht den die Kirche betreffenden Glaubensartikel credo in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam vertont. Dies ist wohl kaum zufällig, sondern deutet auf seine nicht an kirchliche Äußerlichkeiten und Dogmen gebundene Religiosität; eine Haltung, die auch in seinen Briefen und Notizbüchern überliefert ist.
Günther Matthes

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