Plakat Konzert Juni 1996

Seinen Ursprung hat das Oratoruim in verschiedenen Arten von Gebetsgottesdiensten, die in Rom am Beginn des 17. Jh. üblich und verbreitet waren. Im Grunde gehen diese auf die Esercizi dell’ Oratorio des hl. Filippo Neri (1515–1595) zurück. Er versammelte meist arme Leute zu Gebetsstunden – zuerst in seinem Zimmer, schließlich in einem großen Saal bei der neuen Kirche S. Maria in Vallicella, den man Oratorio (Betsaal) nannte. Dabei wurde nach Gebet und kurzer Predigt gesungen und musiziert. Mit der Zeit entwickelten sich diese populären Gottesdienste zu improvisierten musikalischen Aufführungen, in denen alle Gläubigen je nach ihren musikalischen Fähigkeiten mitwirkten.
Die Lauden (Lobgesänge) nahmen unter dem Eindruck der Predigten dialogisch-erzählende Form an, bald wurden sie in verteilten Rollen vorgetragen. Als Solisten traten auf: ein Erzähler – Historicus oder Testo (Zeuge) – sowie die handelnden Personen. Dazu kam der Chor der Gemeinde als Auftritt der Menge – Turba – und mit betrachtenden Gesangspartien. Hier liegt die volkssprachliche Wurzel – Oratorio volgare – der musikalischen Gattung Oratorium.
Die andere Wurzel ist das Oratorio latino: Im Oratorio von SS. Crocefissio in Rom, das vornehmlich vom Adel besucht wurde, fanden in der Fastenzeit an jedem Freitag Versammlungen statt. Hier gab es nach Gebet und Predigt den Concentus musicus. Gesungen wurden lateinische Motetten, deren Text sich auf die Predigt und den täglichen Evangelienabschnitt bezog.
Beide Traditionen des Oratoriums bewegten sich aufeinander zu und es gibt eine Reihe von Kompositionen, die diese Entwicklung wiederspiegeln. Aber Giacomo Carissimi (geb. Marino/Rom 1605, gest. Rom 1674; seit 1630 Kapellmeister am Collegium Germanicum-Hungaricum in Rom) hat in seinen Werken gewissermaßen das Oratorium als Gattung definiert.
Der Schwerpunkt seiner 16 Oratorien liegt in den Chören: Sie sind einfach homophon gebaut, jedoch vielfältig im Ausdruck von dramatischer Situation und Affekt; dem Rhythmus liegt der sprachliche Akzent zugrunde. Die solistischen Partien sind hauptsächlich in der Form des erzählenden Rezitativ-Ariosos gestaltet, arienartiger Gesang ist sparsam auf die Lösung des Konflikts verwendet. Die Texte von unbekannten Verfassern sind aus biblischen Texten und frei erfundenen Teilen so wirkungsvoll zusammengesetzt, daß sie fast schon Opernlibretti sein könnten.
Die Stoffe der beiden Oratorien Historia Jonae und Historia di Jephte entstammen dem Alten Testament. Der Prophet – wider Willen – Jona verzagt vor seiner ihm allzu schwer erscheinenden Aufgabe, wird aber von Gott aus seiner Schwermut herausgerissen. Die anrührende, tragische Geschichte von Jephte – nach dem Buch der Richter 11, 29–37 – ist nicht zuletzt die Geschichte von seiner Tochter. Ihre Opferung ist sinnlos, denn dieses Opfer war gar nicht von Gott gewollt. Es wird zur grausamen Strafe für das Festhalten Jephtes an überkommenen Bräuchen und zur drastischen Belehrung, daß kein Mensch einem Zweck geopfert werden darf.
Günther Matthes

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