| Nachdem Georg Friedrich Händel, der seit 1712 ständig in England lebte, mit seinen italienischen Opern zunehmenden Mißerfolg erntete u. a. mußte er sich 1728 mit der Beggars Opera (Bettleroper) von John Gay eine Parodie gefallen lassen wandte er sich ab 1732 mit Esther dem englischsprachigen Oratorium zu. Diese musikalische Gattung lernte er bereits während seines Aufenthaltes in Italien 17071710 kennen, wohin er von Hamburg aus ging, der ersten Station seiner Musikerlaufbahn. Darüber hinaus konnte er in England an die dortige Chortradition vertreten u. a. durch Werke von William Byrd (15431623) und Henry Purcell (16591695) anknüpfen. Die Stoffe sind zumeist dem Alten Testament entnommen: Saul (1738), Israel in Egypt (1739), Samson (1742), Judas Makabaeus (1746). Mit diesen Oratorien traf Händel den damals in England verbreiteten Zeitgeist. War doch die herrschende Meinung, daß wie zu alttestamentlichen Zeiten die Israeliten nun das englische Volk das von Gott auserwählte und reich gesegnete sei: Gods own people, wie es der puritanische Dichter John Milton 70 Jahre vorher in seinen Epen vom verlorenen und wiedergewonnen Paradies Paradise Lost und Paradise Regained ausdrückte. |
| Und gab der beginnende Aufstieg Englands zur Weltmacht einer solchen Anschauung nicht anscheinend Recht? Mit der Glorious Revolution 1688 ging für England eine lange Zeit politischer und religiöser Wirren sowie ökonomischer Unsicherheit zu Ende: Protestantisches, Handel treibendes Bürgertum vertreten durch die Partei der Whigs und protestantische adlige Grundbesitzer vertreten durch die Tories sicherten sich nach der Vertreibung der absolutistisch regierenden katholischen Stuarts im Rahmen der konstitutionellen Monarchie die politische Macht; König wurde 1714 unter Umgehung der legitimen Thronfolge der protestantische Hannoveranische Kurfürst Georg (in dessen Diensten Händel nach seiner Rückkehr aus Italien stand). Schottland und Irland waren endgültig unterworfen (den entscheidenden Sieg am River Boyne 1690 über die mit den Stuarts verbündeten katholischen Iren meinen nordirische Protestanten auch heute noch in jedem Sommer feiern zu müssen). Mit der massenhaften Vertreibung englischer, schottischer und irischer Bauern und der Umwandlung ihres Ackerlandes in Schafweide wurde der Grundstock für die rasch expandierende Textilindustrie gelegt, die zu einem ungeahnten Aufschwung der Produktivkräfte führte und die industrielle Revolution einleitete. Schon früher wurde mit der Gründung von Virginia 1552 und der für den Einfluß in Indien wichtigen Handelsgesellschaft East India Company 1600 der Grundstein für das englische Kolonialreich gelegt. Schließlich wurde im Spanischen Erbfolgekrieg (17011713) der Seestützpunkt Gibraltar erobert, die Vormachtstellung des absolutistischen Frankreichs eingeschränkt und das Monopol im Sklavenhandel mit Spanisch Amerika gewonnen. |
| 1741 erhielt Händel vom englischen Vizekönig in Irland eine Einladung zu einem längeren Aufenthalt in Dublin. Für diesen Anlaß schrieb er in nur drei Wochen im Spätsommer des gleichen Jahres Messiah (kurz darauf Samson). Die Uraufführung fand am 13. April 1742 in Neals Musick Hall in Dublin (nicht in einer Kirche!) im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung statt. Die erste Londoner Aufführung erfolgte ein knappes Jahr später im Kings Theatre Covent Garden unter dem Titel A New Sacred Oratorio. In der Folge wurde das Werk mindestens einmal jedes Jahr ab 1750 im dortigen Foundling Hospital (Findelhaus) als Benefiz gegeben bis zu Händels Tod 1759 insgesamt 34 mal. |
| Jenseits von Zeitgeist und nationaler Auserwähltheitsideologie ist das Werk durchaus als Ausdruck von Händels protestantisch geprägter Religiosität zu sehen. Er wurde in Halle an der Saale 1685 als Sohn eines Hofchirurgen geboren und ist wie Johann Sebastian Bach geboren im gleichen Jahr in Eisenach sozusagen im Kernland des deutschen Protestantismus aufgewachsen. Für Händel selbst hatte sein Messias eine besondere Bedeutung: Nach einer überlieferten Äußerung sollte das Werk nicht wie die Oper das Publikum unterhalten, sondern vielmehr in religiöser und moralischer Hinsicht die Zuhörer bessern. Im Gegensatz zu seiner Gewohnheit hat Händel in der Folgezeit kein Stück für andere Werke verwandt; zu seinen Lebzeiten gab es keine gedruckten Noten, das Aufführungsmaterial wurde von ihm nur zu Benefizkonzerten verliehen. |
| Über England hinaus hatte das Werk bis auf den heutigen Tag vor allem in Deutschland eine ungeheure Nachwirkung. Noch im 18. Jh. wurde der Text u. a. von keinem geringeren als Herder ins Deutsche übertragen, Mozart nahm in seinen letzten Lebensjahren eine im großen und ganzen behutsame musikalische Bearbeitung vor. Für die Herausbildung der Oratorienkultur in England und Deutschland war der Messias wegweisend. |
| Messias, von hebräisch maschiach (auf griechisch christos), heißt der Gesalbte. Dieser Name leitet sich von dem Brauch des alten Israels ab, das Haupt des Königs zu salben, zum Zeichen, daß er von Gott gesegnet sei. In der jüdischen Tradition wird als Messias der kommende Heilskönig aus dem Geschlecht Davids bezeichnet, der auf Erden das Reich das Friedens und der Gerechtigkeit errichten wird, in dem Schwerter zu Pflugscharen (Jesaja 2,4 u. Micha 4,3) umgeschmiedet werden. Nach der christlichen Tradition ist Jesus von Nazareth dieser von den israelitischen Propheten verheißene Messias, der Sohn Gottes. Dessen Reich ist nicht von dieser Welt (Johannes 18,36), sondern im transzendenten Sinne ein Reich des ewigen Lebens. |
| Der Text des Oratoriums ist von Händels Freund Charles Jennens ausschließlich aus Bibelzitaten in schlüssiger Form zusammengetragen: Prophetenworte (hauptsächlich aus dem Buch Jesaja), Psalmen, Abschnitte aus dem Buch Hiob des Alten Testaments, Abschnitte aus dem Lukasevangelium, den Briefen des Paulus an die Römer und Korinther und der Offenbarung des Johannes aus dem Neuen Testament. Schon von daher nimmt unter Händels Oratorien sein Messias eine Ausnahmestellung ein. |
| Das Werk gliedert sich in drei Teile. Der erste handelt von der Verheißung des Messias, seiner Geburt und seiner Botschaft von der Liebe Gottes zu den Mühseligen und mit Traurigkeit Beladenen. |
| Doch die Botschaft des Messias wird von den verwirrten Menschen nicht angenommen. Stellvertretend nimmt er für sie Verhöhnung, Leiden und Tod auf sich. Gott hält jedoch an ihm fest, läßt ihn vom Tode auferstehen und in Herrlichkeit zum Himmel auffahren. Das Königreich der Welt ist fortan das Königreich des Herrn und seines Christs, und er regiert auf immer und ewig, Halleluja! heißt es in dem Chor, der den zweiten Teil abschließt und zur populärsten Nummer des ganzen Stücks wurde. In England scheint es üblich zu sein, daß sich hier das Publikum von den Plätzen erhebt... |
| Der dritte Teil handelt von der Auferstehung und dem ewigen Leben der Gläubigen. Wie Gott an Jesus Christus im Tod festhielt, wird er durch seine Gnade die Menschen nicht im Tode lassen, sondern ihnen das ewige Leben schenken. |
| Tod, Gewalttätigkeit, Hemmungslosigkeit und Eitelkeit (die Maler der Barockzeit konnten das noch figürlich allegorisch darstellen) dürfen nicht das letzte Wort haben, obwohl es angesichts der Gräuel, gerade auch dieses nun zu Ende gehenden Jahrhunderts in dem Menschenleben massenhaft den Königreichen dieser Welt geopfert wurden und immer noch werden anders scheinen mag. Jenseits der christlichen Tradition kann dies die Botschaft des Werkes sein, es würde dadurch gleichermaßen über die zeitgebundenen Umstände seiner Entstehung weit hinausweisen. |
| Günther Matthes |