| Von Henry Purcell wissen wir, daß er seine musikalische Laufbahn als Chorknabe in der Chapel Royal am Hofe Charles II. in Westminster begann damals noch eine eigenständige Stadt westlich von London. Hier in Westminster wohnte er auch zeitlebens. Wann Purcell geboren wurde und wer seine Eltern waren, ist schon weniger klar. Man nimmt heute an, daß der 10. Sept. 1659 sein Geburtstag und sein Vater der Sänger und Chormeister an der Westminster Abbey Henry Purcell war, der 1664 gestorben ist. Der junge Henry und sein Bruder Daniel (16641717, der auch Musiker wurde) lebten von da an im Hause ihres Onkels Thomas Purcell, ebenfalls Sänger am Hofe. |
| Nach dem Stimmbruch 1673 wurde Henry Assistent des königl. Kapellmeisters John Hingston als Aufseher über die Blas- und Tastenintrumente der königlichen Kapelle und 1677 Hofkomponist für die Violinen der Hofkapelle, später 1683 auch dessen Nachfolger. Diese Assistenzzeit war auch Purcells Studienzeit bei seinen Lehrern John Blow, Christopher Gibbons und Matthew Locke; außerdem wurde er Organist an der Westminster Abbey. |
| 1680 heiratete Purcell Frances Peters; von den beiden überlebenden Kindern wurde Edward (16891740) ebenfalls Musiker. |
| 1682 wurde Purcell zu einem der drei Organisten der Chapel Royal ernannt. Die Organisten mußten auch im Chor mitsingen und seine Stimme scheint zu den damals berühmten Bässen gehört zu haben, die auch bis in die Altlage hinaufreichten. In diesen Ämtern wurde er von den Nachfolgern Charles James II. 1685 und William III. 1689 bestätigt. |
| Aus der Tatsache, daß Purcell an seinem Todestag sein Testament unterschrieb, können wir schließen, daß er am 21. November 1695 völlig unerwartet gestorben ist. |
| Im 17. Jh. erfolgte in England der Durchbruch des Parlamentarismus mit seinen Parteien der Tories als Vertreter der protestantischen Grundbesitzerklasse und der Whigs als Vertreter des handeltreibenden Bürgertums. In der ersten Jahrhunderthälfte bekämpften sie sich blutig in zwei Bürgerkriegen, aus denen die Whigs mit Oliver Cromwells ( 1658) puritanischer Militärdiktaur als Sieger hervorgingen. |
| Dies hatte jedoch keinen Bestand. Es folgte die Zeit der Restauration mit der Wiedereinsetzung der Stuartkönige eine Phase der Beruhigung, die eine Blüte von Kunst und Wissenschaft und des gesellschaftlichen Lebens zur Folge hatte. Nicht zuletzt wurde auch die anglikanische Bischofskirche wieder eingesetzt, die mit ihrem reichen Ritus Musikern ein dankbares Betätigungsfeld gab, nachdem unter den calvinistischen Puritanern die Musik aus den Kirchen verbannt und die Orgeln zerstört wurden. |
| Doch auch die Restauration hatte keinen Bestand: der Nachfolger Charles, James II. mit seinen absolutistischen Ambitionen und seiner Sympathie für den Katholizismus, der Religion des Erzrivalen Frankreich war zunehmend untragbar und wurde in der unblutigen Glorious Revolution 1688 entmachtet. Mit der Berufung Williams of Orange durch das Parlament wurde schließlich die konstitutionelle Monarchie begründet. |
| In Purcells Komponistentätigkeit spiegelt sich diese politische Entwicklung ungefähr wieder: Vor 1688 lag der Schwerpunkt auf Musiken für den Hof Oden und welcomesongs und der anglikanischen Kirche, nach 1688 bei Theatermusiken. |
| Die andere Seite seines musikalischen Schaffens sind eine große Zahl weltlicher und geistlicher Sololieder, angefangen von Sweet tyrannes, I now resign my heart von 1667 bis O solitude, my sweeetest choice und dem wunderschönen Music for a while Sie wurden posthum in den beiden Bänden des Orpheus Britannicus veröffentlicht. Im Vorwort zu der Sammlung heißt es: Er hatte einen besonderen Genius, die Kraft englischer Wörter auszudrücken, wobei er die Gefühle aller seiner Zuhörer aufwühlte. |
| Für den kirchlichen Gebrauch schrieb Purcell service music und anthems (von gr. anáthema, Weihgeschenk, und gr.-lat. antiphona, Wechselgesang), geistliche Chorgesänge in unterschiedlicher Besetzung: Chor und Orgel (full anthem), Solostimmen, Chor und Orgel (verse anthem), Solostimmen, Chor, Streicher und Basso continuo (symphony anthem). |
| Magnificat und Nunc Dimittis (Lobgesang der Maria und Lobgesang des Simeon aus dem Lukasevangelium) schrieb er vor 1683; sie sind Bestandteil des evening service (vergleichbar der Vesper). Es ist vorwiegend homophone Musik; durch den Wechsel von solistischen Terzetten (verse, hier vom dreistimmigen Chor gesungen) mit dem vierstimmigen Chor in der Tradition stehend, zu der auch das solistische, sich polyphon ausbreitende Amen mit Chorbestätigung gehört. |
| Die drei Funeral sentences nach Worten aus dem Buch Hiob und der mittelalterlichen Antiphon Media vita in morte sumus die wir als den Choral Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen kennen stammen aus verschiedenen Zeiten und sind von Purcell immer wieder bearbeitet worden. Sie wurden auch bekannt als Trauermusik für Queen Mary (der Frau Williams III.), zu deren Begräbnis im März 1695 sie wahrscheinlich erklangen (zusammen mit einem Marsch und einer Canzona für Bläser). Unsere ist die zweite, einzig zusammenhängend überlieferte Version. |
| Fein ausgewogen ist das Spiel der steigenden und sinkenden Kräfte am Anfang des Anthems Man that is born. |
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| Es folgt eintönig flüsternd: He fleeth as it were a shadow, und dann, in scheinbar leicht bewegter Polyphonie die immer wieder absinkende Linie des and never continueth in one stay. Wieder anders sieht die nun folgende Vertonung des Media vita aus. Keiner der weiteren, imitierenden Stimmen will die Nachformung der hartgezackten drei letzten Töne des Themas gelingen, das im raschen Anstieg, dem synkopisch anhaltenden Höhepunkt und dem verlangsamten Abstieg symbolische Bildkraft beweist, |
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| die sich nach der einmütig homophonen Anrufung Gottes in der immer flehentlicher emporgetragenen, chromatisch verengten Schilderung der bitter pains erneut bewährt. Nach einem mehr akkordisch gehaltenen Zwischensatz vereinigt das Schlußstück verse und chorus zu einem Satz von trostloser Schwermut. Ergreifend der stammelnde Ansatz, das Aufschluchzen und der jähe Sturz bei suffer us not in our last hour. In den letzten Takten kommen die Stimmen langsam, unter harter harmonischer Anspannung zur Ruhe. |
| Das Symphony-Anthem O sing unto the Lord für Solisten, Chor, Streicher und Basso continuo nach Worten aus dem 96. Psalm stammt aus dem Jahre 1688. In seiner folgerichtigen, weit gespannten harmonischen Anlage, seiner Virtuosität in der Komposition für Solostimmen sowie in der italienisierenden Gliederung in Präludium und Fuge spiegelt es Purcells wachsendes Interesse am italienischen Stil wieder. |
| Alle Versuche, vollständig komponierte Opern zu etablieren, fanden im späten 17. Jh. in England nur ein kleines Publikum; so schrieb Purcell auch mit Dido and Aeneas (1689) nur eine einzige richtige Oper. Der größte Teil seiner Theatermusik waren sog. semioperas. Der Text stellt in diesen Stücken nur ein Gerüst dar, in das musikalische Szenen burleske Maskenspiele, Zauberszenen mit großem Aufwand an Bühnentechnik u. ä. hineingestellt werden. Die handelnden Hauptpersonen singen für gewöhnlich nicht (deshalb fühlten sich oft die Schauspieler der Sprechrollen benachteiligt). |
| The Fairy Queen (Die Feenkönigin, 1692), ist ein Arrangement von Shakespeares Sommernachtstraum von einem Anonymus. Hier wird die Feenkönigin Titania an das Ende jeden Aktes gebracht, und für sie eine masque gegeben. In unserer Szene spielen die Feen mit einem betrunkenen Dichter Blindekuh und kneifen ihn zur Strafe für seine unsinnigen und holperigen Verse. Als er schließlich seine Verbrechen bekennt und als Sühne ein Sonnet dichten will, lassen sie von ihm ab und bis zum Morgen seinen Rausch ausschlafen. |
| In King Arthur, or the British Worthy von John Dryden (1691) geht es im den Kampf des legendären christlichen Königs Arthur mit dem heidnischen Sachsenkönig Oswald (mit Hilfe ihrer Zauberer) um die Liebe der blinden Königstochter Emmeline. Im zweiten Akt will Oswald sie beieindrucken: eine froststarrende Winterlandschaft ersteht, widerwillig reckt sich der Genius des Frostes mit seinem Gefolge hervor eine der großartigsten Theaterszenen Purcells überhaupt. Für das 17. Jh., als der Winter noch weitgehend das tägliche Leben lähmte (und ein harter Winter bereits für viele lebensbedrohlich war), stellt diese Szene mit ihrem harten Streicherstakkato und dem tremolierenden Gesang nicht nur einfach Theaterzauber dar, sondern bedeutet darüberhinaus durchaus eine Todesallegorie. |
| Mit The Tempest (Der Sturm, 1695) wurde wieder ein Shakespearestück als Zauberoper bearbeitet. Am Schluß verheißt das Götterpaar des Meeres, Neptun und Amphitrite, den gebeutelten Menschen nur noch Friede und Liebe alle Tage. |
| Günther Matthes |
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