Plakat Konzert Februar 2008. 
Titelbild: Rembrandt van Rijn, 
Das sog. Hundertguldenblatt 
(Matthäusevangelium Kap. 19)

Es ist schon seltsam: Da wirken im 18. Jahrhundert an vielen europäischen Höfen böhmische Komponisten (sowohl Tschechen als auch Deutschböhmen wie Franz und Georg Benda, Johann Stamitz, Franz Xaver Richter, Johann Baptist Wanhal u.a.), so daß der englische Reisende Charles Burney Böhmen als Konservatorium Europas rühmte. Von einer tschechischen Musikkultur, die über die musikalische Volkskultur hinausgeht, kann aber erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gesprochen werden, seit dem Auftreten Bedřich Smetanas, Antonín Dvořáks und (dem nur in Tschechien bekannten) Zdenek Fibichs.
Der Dreißigjährige Krieg (1618–48) führte in Böhmen und Mähren nicht nur zu einem wirtschaftlichen und sozialen, sondern auch zu einem kulturellen Niedergang. Die verlorene Schlacht am Weißen Berg 1620 brachte für die beiden Länder, die bis dahin das mehr oder weniger selbständige Königreich und Kurfürstentum Böhmen innerhalb des Heiligen Röischen Reichs deutscher Nation gebildet hatten, das Ende der Autonomie. Damit war es auch mit der durch den Majestätsbrief von 1609 durch Kaiser Rudolf – der wie Karl IV. in Prag residierte – verbürgten Religionsfreiheit vorbei. Böhmen und seine Nebenländer wurden den habsburgischen Erblanden fest einverleibt. Etwa die Hälfte des adligen Grundbesitzes wurde enteignet und an habsburgtreue, z.T. landfremde Geschlechter – dem sog. Schwertadel – verteilt, die Ständeverfassung im absolutistischen Sinne umgestaltet, die Hofkanzlei nach Wien verlegt, Prag zur Provinzstadt degradiert. Mit der Ausweisung der protestantischen Pfarrer setzte die z.T. gewaltsame Rekatholisierung des weitgehend evangelischen Landes ein, was zur Auswanderung von 150.000 Protestanten führte – der berühmteste von ihnen war der Theologe und Philosoph Jan Amos Comenius (1592–1670), der als Begründer der modernen Pädagogik gilt. Auch in der Mark Brandenburg ließen sich noch im 18. Jahrhundert böhmische Glaubensflüchtlinge nieder, so in Böhmisch Rixdorf, in Nowawes, das seit 1938 (!) Babelsberg heißt, u.a. In die durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges verwüstete Randgebiete Böhmens wanderten überwiegend katholische Deutsche ein. Deutsch wurde alleinige Verwaltungssprache, die Sprache der Gebildeten; die tschechische Sprache verkümmerte als Sprache der Unterschicht und der Bauern. Tschechische Gymnasien, geschweige denn Hochschulen, gab es selbst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert noch nicht.
Die im 17. und 18. Jahrhundert in Böhmen errichteten neuen Kirchenbauten und Schlösser und Adelspalais gaben dem Land und besonders Prag ein zum Teil glanzvolles barockes Gepräge. Tatsächlich werden aber diese Jahrhunderte in Tschechien als Zeit des temno, der Finsternis empfunden. Erst die Aufhebung der Leibeigenschaft 1781 leitete eine Wende ein und verschaffte der jungen Generation der tschechischen Landbevölkerung den Zugang zu den Städten, zu höherer Bildung und Studium. Damit war die Voraussetzung zum kulturellen Wiedererwachen Tschechiens gegeben, zur Erforschung der tschechischen Sprache, zur Begründung einer tschechischen Literatur und schließlich einer Musikkultur, die über die musikalische Volkskultur hinausging.

 
Antonín Dvořák im Jahre 1885
In dem Dorf Nelahozeves, an der Moldau gelegen, ca. 30 km nördlich von Prag, wurde am 8. September 1841 Antonín Dvořák als Sohn eines Metzgers und Gastwirts, der selbst die Zither spielte, geboren. Die Mutter war Tochter des Verwalters am örtlichen Schloß des Fürsten Lobkowitz.
Schon früh förderten die Eltern die musikalische Begabung des Kindes, indem sie für eine musikalische Ausbildung in Klavier, Geige und Gesang in verschiedenen böhmischen Provinzstädten sorgten. Dazu kam das unerläßliche vertiefende Erlernen der deutschen Sprache. Daß der junge Dvořák auch das Metzgerhandwerk erlernte, ist nicht mehr als eine hübsche Legende.
1857 erfolgte die Übersiedlung nach Prag und das Studium an der Organistenschule. Daneben lernte Dvořák als Bratschist im Orchester des Prager Cäcilienvereins das klassische und zeitgenössische Repertoire – Schumann, Liszt, Wagner – kennen. Bis 1871 spielte er in Tanzkapellen und war Solobratscher im Orchester des sog. Interimstheater, dem ersten tschechischen Theater überhaupt. Als Komponist trat Dvořák erstmals 1871 mit Liedern in die Öffentlichkeit, der Durchbruch erfolgte 1873 mit dem Hymnus Die Erben des Weißen Berges für Chor und Orchester. Im gleichen Jahr heiratete er seine ehemalige Klavierschülerin Anna Čermáková (ähnlich wie Mozart hätte er lieber die ältere Schwester zur Frau genommen) und ein Jahr später wurde das erste von neun Kindern geboren. Dvořák war ein ausgesprochener Familienmensch, begeisterte sich für Eisenbahnen und Dampfschiffe, züchtete Tauben und liebte die Natur.
Über Böhmen hinaus wurde Dvořák bekannt, als 1877 Johannes Brahms als Mitglied der Jury für die Vergabe von Künstlerstipendien des Wiener Unterrichtsministeriums auf ihn aufmerksam wurde. Von seinen Klängen aus Mähren (Duette für Sopran und Alt) war Brahms dermaßen begeistert, daß er Dvořák seinem Verleger Fritz Simrock in Berlin empfahl. Berühmt sind seine Wort über den sieben Jahre jüngeren Kollegen geworden: „Der Kerl hat mehr Ideen als wir alle. Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben.“
Der internationale Durchbruch für Dvořák kam vollends, als er 1883 von der Philharmonic Society London die Einladung erhielt, eigene Werke in England zu dirigieren. Anlaß dazu war die Londoner Aufführung seines Stabat Mater. Ab 1884 weilte er neunmal zu Konzerttourneen in England, 1891 wurde ihm von der Universität Cambridge die Ehrendoktorwürde verliehen. Der Erfolg in England war für den Komponisten umso bedeutungsvoller, als die Aufnahme seiner Werke im deutschsprachigen Raum wegen des aufkommenden böhmischen Nationalitätenkonflikts in Österreich-Ungarn beim Publikum auf Vorbehalte gegen slawische Musik stießen; so mußte die Uraufführung der 6. Sinfonie in Wien abgesetzt werden.
1891 wurde Dvořák Professor am Prager Konservatorium für Komposition und Instrumentation, doch ein Jahr später wirkte er bereits in New York als künstlerischer Direktor und Kompositionsprofessor am National Conservatory of Music auf Einladung von dessen Präsidentin Jeanette Thurber. Als international renommierter Komponist, dessen Musik sich aus den Quellen der heimischen musikalischen Tradition speiste, sollte er am Entstehen einer eigenständigen amerikanischen Kunstmusik mitwirken. Von Heimweh getrieben kehrte Dvořák 1895 wieder nach Prag zurück, wo er am 5. Mai1904 gestorben ist.
Antonín Dvořák gehörte zu den Komponisten, die in allen musikalischen Gattungen ihrer Zeit – bis auf die Orgelmusik – bleibende Werke geschaffen haben: Oper – hierzulande nur Rusalka (1900) im Repertoire; Oratorium – Die heilige Ludmilla (1885/86); Kantate, u.a. Die Geisterbraut (1885); Kirchenmusik – u.a. Stabat Mater (1876/77), Messe D-Dur (1887), neun Sinfonien – davon am populärsten Aus der Neuen Welt (1893); Sinfonische Dichtungen, Rhapsodien etc. – Slawische Tänze (in zwei Reihen 1878, u. 1886/87), Slawische Rhapsodien; Instrumentalkonzerte – Klavier- (1876), Violin- (1883) und Cellokonzert (1894/95); Kammermusik in unterschiedlichen Besetzungen, Klaviermusik.
Zum Œuvre Dvořáks gehören auch zahlreiche Chöre und Lieder bzw. Lieder in Chorfassungen, von denen die Chorwerkstatt Berlin schon viele aufgeführt hat (u.a. In der Natur op. 63, Klänge aus Mähren op. 20).
Die Messe D-Dur op.86 nimmt eine Sonderstellung innerhalb der Kirchenmusik Dvořáks ein. Formal durchaus groß angelegt, war sie doch in der Erstfassung für eher bescheidene Verhältnisse gedacht. Und dies aufgrund ihrer Bestimmung. Der Architekt Josef Hlávka, bekannt durch einige Bauten in Wien, bat den von ihm hoch geachteten Dvořák um eine Meßkomposition zur Einweihung der Kapelle auf seinem Gut in Luzany (Südwestböhmen). Der kunstsinnige Hlávka, dessen Gattin Zdenka eine gute Pianistin und eine große Verehrerin von Dvořáks Musik war, hatte die tschechische Akademie der Kunst und der Wissenschaften in Prag begründet und war deren erster Präsident. Dvořák nahm den Auftrag an und komponierte die Messe zwischen dem 26. März und 17. Juni des Jahres 1887. An seinen Auftraggeber schrieb er an diesem Tag u.a.: „… Ich denke, es ist ein Werk, das seinen Zweck erfüllen wird. Es könnte heißen: Glaube, Hoffnung und Liebe zu Gott dem Allmächtigen und Dank für die große Gabe, die mir gestattete, dieses Werk zum Preis des Allerhöchsten und zur Ehre unserer Kunst glücklich zu beenden. Wundern Sie sich nicht, daß ich gläubig bin – aber ein Künstler, der es nicht ist, bringt nicht solches zustande.“ In dieser Haltung unterscheidet sich Dvořák von seinem Lieblingskomponisten Franz Schubert, der ein Skeptiker und Freigeist war, welcher den Absatz die Kirche betreffend (credo in unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam) in seinen Meßkompositionen nie vertont hat und dessen letzte Messe Es-Dur durchaus als eine Klage über und Anklage gegen den heillosen Zustand dieser Welt verstanden werden kann.
Die Uraufführung der Messe am 11. November 1887 in der Gutskapelle leitete der Komponist selbst, die Frau seines Auftraggebers – wie auch Dvořáks Frau Anna – wirkte als Gesangssolistin mit. (Die Solopartien können – wie in unserer Aufführung – auch vom Chor übernommen werden.) Die erste öffentliche Aufführung fand zwei Jahre später in Pilsen statt. Auf Drängen des englischen Musikverlags Novello orchestrierte Dvořák den Orgelpart 1892, Vokalsatz und musikalische Substanz blieben davon unberührt.

 
„Entwurf für eine Büste von Herrn ERIK SATIE (gezeichnet von ihm selbst), mit einem Gedanken: ‚Ich bin sehr jung in einer sehr alten Zeit auf die Welt gekommen.‘“
Erik Satie wurde am 17. Mai 1866 als Sohn eines Schiffsmaklers und späteren Musikverlegers und einer englischen Mutter in der Normandie geboren. Nach Abbruch des lustlos betriebenen Studiums von Klavier und Harmonielehre am Pariser Konservatorium und kurzem Militärdienst tauchte er 1887 in die Bohème-Welt des damals noch weitgehend ländlichen Montmartre ein, wurde Pianist in Nacht-Cabaret Chat Noir, Begleiter des Chansonniers Aristide Bruant (berühmtes Plakat von Toulouse-Lautrec). In diese Zeit fällt auch der Beginn von Saties Freundschaft mit Claude Debussy. Neben Unterhaltungsmusiken komponierte er Klavierstücke, die sich bewußt gegen die Konventionen des 19. Jahrhunderts richteten und sich an Forschungen über antike und mittelalterliche Musik bzw. zur Musikethnologie orientierten (Gymnopédies, Sarabandes, Gnossienes, Ogives, Danses gothiques). Den Unterschied zwischen dem, was heute als ‚E(rnste)‘- und ‚U(nterhaltsame)‘-Musik bezeichnet wird, machte Satie sowieso nicht, weshalb er beispielsweise bis vor gar nicht so langer Zeit in Deutschland nicht als seriöser Komponist angesehen wurde.
In den 90er Jahren ernannte Josèphin Péladan, der heute vergessene, damals sehr einflußreiche exzentrische Schriftsteller und Großmeister des Ordre de la Rose + Croix du Temple et du Graal Satie zum Kantor des Ordens. Getragen von der einsetzenden französischen Wagner-Begeisterung wurde ein Kult der Schönheit begründet, der sowohl anstelle der christlichen Religion treten als auch an ihre Ursprünge anknüpfen sollte. Satie sorgte für die musikalische Umrahmung der Ausstellungen (Salons) des Ordens mit Gemälden des Symbolismus und komponierte die Musik für eines der Bühnenstücke Péladans, Les fils des étoiles. Er komponierte zwar nicht ‚wagnerisch‘ (hätte es aufgrund seiner mangelnden Ausbildung auch gar nicht gekonnt), aber die Elemente des gregorianischen Chorals, die er sich angeeignet hatte, genügten der weihevollen Stimmung.
1892 distanzierte sich Satie von Péladan und dessen Kreis und gründete 1893 seine eigene Kirche, die Église Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteure, als deren Oberhaupt (Parcier) und einziges Mitglied er die Entheiligung gesellschaftlicher und künstlerischer Belange anprangerte.
In diese Zeit fällt auch die einzig bekannte, fünf Monate währende Liebesbeziehung Saties zu der Trapezkünstlerin, nach einem Unfall als Modell arbeitende und schließlich selbst malende Suzanne Valadon, die mit Toulouse-Lautrec, Renoir, Degas u.a. befreundet und Mutter des spanischen Malers Maurice Utrillo (1883–1955) war.
Dem Klischee des Bohèmien – man nannte ihn zu der Zeit auch Monsieur le Pauvre – wirkte Satie mit einer auffälligen äußerlichen Selbstdarstellung entgegen, einem immer gleichen Cordanzug, den er sich 1895 mit Hilfe einer Erbschaft in siebenfacher Ausfertigung zulegte und mit dem er in verläßlichen Stil eines velvet gentleman einen Widerspruch zu seinen dürftigen Lebensverhältnissen zur Schau trug.
1898 kehrte Satie dem Montmartre den Rücken und siedelte in die Arbeitervorstadt Acrueil südlich von Paris über, arbeitete noch bis 1908 im Milieu des café-concert als Begleiter von Chansonniers. Er wurde Mitglied des Comité radical-socialiste, nach dem Attentat auf den Friedensaktivisten Jean Jaurès trat er der Internationale bei, 1921 der kommunistischen Partei. In seinem Äußeren trat er nun im immer gleichen korrekten Anzug eines Büroangestellten auf.
1905–1908 studierte Satie an der Schola cantorum Kontrapunkt und bei d'Indy, einem Schüler César Francks, Instrumentation. Der Erfolg früherer Stücke im Jahre 1911 und der Kontakt zu dem Pianisten Ricardo Viñes vermittelt durch Maurice Ravel brachten Satie 1913/14 wieder zum Komponieren von Klavierstücken mit Titeln wie Préludes flasques (pour un chien) (Matte Pr&eaccute;ludes [für einen Hund?), Sports et divertissements (Sport und Unterhaltung), Les trois valses distinguées du précieux dégouté (Die drei feinen Walzer des affektierten Ekels). Das Außergewöhnliche an diesen Stücken sind die kleinen Texte, die zwischen den Notensystemen stehen. Es sind sowohl Bemerkungen von wenigen Worten wie auch manchmal kleine Geschichten oder Szenen, in keinem Fall aber Texte zum Singen.
Zusammen mit Pablo Picasso (Ausstattung), Michael Fokine und der Diaghilew-Truppe (Choreographie) unter Leitung von Jean Cocteau (Szenario) entstand das Ballet Parade, das 1917 zu einem Skandalerfolg wurde und Satie Zugang zur höheren Gesellschaft eröffnete, so daß er im Auftrag der Princesse Edmond de Polignac sein kompositorisch ehrgeizigstes Projekt, das drame symphonique Socrate nach Dialogen von Platon angehen konnte (1920 uraufgeführt). Hierbei wurde der Text auf die Handlungselemente und die Beschreibung der Eigenschaften Sokrates’ zusammengekürzt. Auch schriftstellerisch trat er mit Beiträgen zur Musikästhetik hervor, was ihm manche Beleidigungsklage von Musikkritikern eintrug.
In diese Zeit fällt auch das Experiment mit musique d’ameublement: „So, wie es im Bereich des Sehens Formen gibt, wie etwa das Muster einer Tapete, die Deckenleiste oder der Rahmen eines Spiegels, die man trotz ihres unzweifelhaften Daseins doch nicht wahrnimmt, so, dachte Satie, wäre es doch amüsant, Muster zu haben, auf die man nicht hinhören müßte, also gleichsam Musik, als Ausstattung oder Hintergrundmusik. Sie sollte veränderbar sein, wie die Möblierung der Räume, in denen diese Musik gespielt werden wird.“ (Darius Milhaud). Für eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen Anfang 1920 komponierte Satie eine solche Musik – ein Satz hatte den Titel: „Tönender Steinfußboden, kann zum Lunch gespielt werden“ Das Publikum konnte allerdings nicht dazu gebracht werden, der Musik nicht schweigend zu lauschen.
Mittlerweile war Satie zu einer festen Größe in der Pariser Künstlerszene avanciert, so daß junge Komponisten mit ihm zusammen die Gruppe Les Nouveaux Jeunes bildeten oder ihn als Patron ihrer Groupe des six (u.a. mit Darius Milhaud, der zum Nachlaßverwalter wurde) wählten, es entstand sogar eine École d’Arcueil. Am 1. Juli 1925 ist Satie gestorben.
Als Maître de Chapelle seiner Kirche komponierte Satie 1894 seine Messe des Pauvres (Armenmesse). Sie beginnt mit einem Präludium. Es ist der einzige Teil, der den Worten nach (Kyrie eleison, abwechselnd gesungen von tiefen und hohen Stimmen) an die traditionelle Messe erinnert. Er wird abgeschlossen von Dixit Dominus, dem 109. Psalm. Was folgt, sind Orgel- oder Klavierstücke, deren Titel ebenso sonderbar wie ironisch sind – Commune qui mundi nefas ist rätselhaft und unübersetzbar. Einige Stücke sind frühe Beispiele für die später wuchernde Neigung Saties, teils komische, teils witzige ‚Vortragsanweisungen‘ über oder zwischen die Notenzeilen anzubringen. Es sei dahingestellt, ob das Prière pour les voyageurs et les marins… (‚Gebet für die Reisenden und die Seeleute…‘) ein solcher Conseil aux interprètes ist oder eine ‚Satzüberschrift‘.
Das im antivirtuosen, harmonisch ‚vagierenden‘ Stil geschriebene Präludium (Kyrie eleison) beruht auf dem Prinzip der Wiederholung, wobei freilich der Kontext sich stets ändert. Dieser Gedanke setzt sich auch in den folgenden Stücken fort. Hier zeigt sich die Kompositionstechnik Saties, seine Musik aus Bausteinen melodischer und harmonischer Art – motif genannt – zuzubereiten. Dabei gibt es keine feste Reihenfolge für die Elemente, kein logisches Eins-ans-andere-reihen, sie sind austauschbar, wiederholbar, annähernd ist jedes mit jedem zu koppeln, beliebig zu zerschneiden, in Bruchstücken verwendbar. Keiner der herkömmlichen Parameter – Melodik, Rhythmus, Harmonik oder Formablauf – beherrscht mehr den Satz. Das Prinzip dieser Musik ist Reihung, nicht inhaltliche oder formale Entwicklung.
Herausgegeben wurde die Messe des Pauvres postum von Darius Milhaud.
César Franck (geb. 1822 in Lüttich, gest. 1891 in Paris) trat bereits früh als Klaviervirtuose und Komponist in Pariser Salons auf, wobei der ehrgeizige Vater als sein Impresario wirkte. Nach dem Bruch mit dem Vater und der Heirat mit einer Schüerin arbeitete Franck als Musiklehrer, Begleiter und Kirchenmusiker, als Komponist hatte er zu der Zeit nur sehr mäßigen Erfolg.
Mit der Verbesserung der Technik im Orgelbau (Einführung der Pedalklaviatur in Frankreich im Zuge der Rezeption der Orgelwerke Bachs) trat Franck als Orgelvirtuose hervor. Ab 1852 war er maître de chapelle an der Kirche Saint Clothilde in Paris und ab 1872 Professor für Orgel. Als Komponist wurde er nun vor allem zum Begründer der französischen Orgelsinfonik. Darüber hinaus schrieb er Messen, Motetten, Kantaten u. Oratorien, u.a. Les Béatitudes (‚Die Seligpreisungen‘) (1869–1879).
In seinem letzten Lebensjahrzehnt entstanden noch eine Reihe von bedeutenden (und sehr hörenswerten) Orchester- und Kammermusikwerken: Sinfonie d-moll, Sinfonische Variationen sowie Präludium, Choral und Fuge für Klavier und Orchester, Klavierquintett f-moll, Violinsonate A-Dur (auch in der – nicht von Franck stammenden, aber von ihm offenbar gebilligten – Fassung für Cello bekannt), Streichquartett D-Dur.
Günther Matthes

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