Plakat Konzert Juli 2009. Titelbild: C.F.Friedrich, Auf dem Segler

Im Jahr 1807 stand Beethoven auf dem Höhepunkt einer bis dahin ungebrochenen Karriere als Komponist. Seit fünfzehn Jahren in Wien, hatte er seine musikalischen Konzepte immer weiter entwickelt. Er war damals mit der Niederschrift seines wohl berühmtesten Werks, der Fünften Symphonie (häufig Schicksalssymphonie genannt) beschäftigt. In diesem Jahr entstanden auch die Coriolan-Ouvertüre und die Messe C-Dur.
Ouvertüren wurden damals sehr viele geschrieben; nicht nur Opern, auch viele Schauspielaufführungen wurden von einer Ouvertüre eingeleitet. Die meisten Ouvertüren wurden schnell geschrieben und schnell vergessen. Das Trauerspiel Coriolan von Heinrich von Collin hatte allerdings eine Handlung, die für Beethoven sehr interessant war, weil sie ihm Gelegenheit bot, ein kompositorisches Muster zur verwenden, das ihn seit seiner Jugend immer wieder interessiert hatte: Ein Stück mit einer tragischen Grundthematik (meist in c-Moll) und einem positiven Zweiten Thema (hier in Es-Dur). Übrigens folgt auch die Fünfte Symphonie diesem Schema.
Coriolan war ein römischer Politiker, dem seine Mitbürger wegen seines übermäßigen Ehrgeizes misstrauten und der nie in das höchste Staatsamt gewählt wurde. Völlig frustriert wechselte er die Seiten und stellte sich den Feinden Roms als Heerführer zur Verfügung. Als er als Sieger nach Rom zurückkehren will, bittet ihn seine alte Mutter um Schonung für Rom. Coriolan kann es nicht über sich bringen, seine Vaterstadt zu besetzen. Er stirbt, im Schauspiel von Collin durch Selbstmord, in einer anderen Version wird er von den Feinden Roms ermordet.
Man kann wohl davon ausgehen, dass Beethovens Ouvertüre den Charakter und das Schicksal des tragischen Helden dieses Schauspiels darstellt. Das Stück wird von unruhigen, düsteren Motiven bestimmt. Üblicherweise wird angenommen, dass das zweite positive Thema das Flehen der Mutter um Frieden darstellt. Was am Schluss passiert, braucht man nicht zu erklären; jeder wird es sofort selber verstehen.
Das Schauspiel von Collin hat sich nicht behaupten können; heute wird noch gelegentlich Shakespeares Coriolan aufgeführt.
Der Fürst Esterhazy, einer der reichen adligen Förderer der Musik in Wien, hatte die Gewohnheit, jedes Jahr zum Namenstag seiner Ehefrau eine große Messe komponieren und aufführen zu lassen. Haydns sechs letzte berühmte Messen sind für diese Gelegenheit geschrieben worden. 1807 erhielt Beethoven diesen Auftrag. Beethoven hatte zwar schon vorher religiöse Texte vertont, bis dahin aber noch nie ein kirchliches Werk geschrieben. Er ging mit großem Engagement an diese Arbeit, und es entstand eine Messe die deutlich anders war als alle Messen, die davor geschrieben worden waren.
Beethovens erste Messe unterscheidet sich ihren Vorgängern insbesondere dadurch, dass nicht nur an einigen wichtigen Stellen, sondern konsequent und überall die Musik den Inhalt des Textes wiederspiegelt. Dies führt in den beiden wortreichen Sätzen, dem „Gloria“ („Ehre sei Gott in der Höhe“, zweiter Satz) und dem „Credo“ (Glaubensbekenntnis, dritter Satz) zu häufigen Stimmungswechseln und starken Kontrasten. Das Sanctus („Heilig ist der Herr“, vierter Satz) wird zunächst vom Chor ohne Begleitung des Orchesters mit einer mystisch klingenden Verschiebung der Tonarten vorgetragen. Zu Beginn des fünften Satzes („Benedictus“, Gelobet sei, der da kommt) singt dann das Ensemble der vier Solisten völlig unbegleitet. An einigen Stellen ist die Musik der Messe geradezu dramatisch, besonders bei der Anrufung des Lammes Gottes („Agnus Dei“) in der ersten Hälfte des sechsten und letzten Satzes.
Interessant ist, dass Beethoven eine Messe, die viele erregte und dramatische Stellen enthält und lange Passagen mit voller Lautstärke, im ersten Satz, dem „Kyrie“ (Anrufung Gottes), mit einfacher und positiver Musik beginnt, und dass diese Anfangstakte zum Schluss der Messe noch einmal aufgegriffen werden.
Im Jahr 1814 war Beethovens erste lange kreative Phase vorbei. Eine Zeit lang komponierte er nur wenige berühmte Stücke, bis schließlich die Reihe seiner Spätwerke in einem stark veränderten Stil begann. In diese weniger kreative Zwischenzeit fällt die Komposition der Kantate Meeres Stille und Glückliche Fahrt. Beethoven hat eine ganze Reihe von weltlichen Chören mit Orchester geschrieben. Von diesen Werken ist sie das einzige, das bis heute häufiger aufgeführt wird. Ihr Erfolg hat sicher mit dem Text von Goethe zu tun.
Das Gedichtpaar Meeres Stille und Glückliche Fahrt von Goethe ist in vielen Sammlungen abgedruckt. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie sich bei Gedichten der Inhalt im Klang und Rhythmus widerspiegeln kann. Die beiden Gedichte bieten sich für eine Vertonung geradezu an und sind auch häufig als Vorlage für Kompositionen verwendet worden.
Beethoven betreibt in dieser Kantate intensive Lautmalerei. Er setzt die beiden Gedichte fast Wort für Wort in Musik um.
Felix Schadendorf

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