Plakat Konzert Juni 2010

Chorsingen, wie wir es heute kennen, bildete sich mit der Entwicklung der modernen bürgerlichen Gesellschaft seit Mitte des 18. Jahrhunderts heraus. Es trat neben die überkommenen musikalischen Gattungen in Kirche, Schule und Oper und hing eng mit der Vereinsbildung als Mittel der bürgerlichen Emanzipation zusammen. Der Gründung der Berliner Singakademie 1791 folgte die Bildung ähnlicher Chorvereinigungen im ganzen deutschen Sprachraum. Zum ersten Mal in Deutschland sangen Männer und Frauen gemeinsam bei einer Kirchenmusik, was bis dahin die Aufgabe von Knabenchören war. Voraussetzung für die neue bürgerliche Aufführungspraxis war die Hausmusikpflege, das mehrstimmige Singen im privaten Kreis.
Wenigstens mit dem Abendlied (Der Mond ist aufgegangen) aus der Sammlung Lieder im Volkston, bey dem Claviere zu singen aus dem Jahr 1790 nach einem Text von Matthias Claudius hatte der Komponist und Kapellmeister (in Berlin, Rheinsberg und Kopenhagen) Abraham Peter Schulz (1747–1800) – neben einigen anderen Liedern – einen bleibenden Erfolg. Max Reger setzte es 1899 für vierstimmigen Chor. (Nr. 1 in Sieben geistliche Volkslieder für gemischten Chor, München und Leipzig, 1900). Insgesamt gibt es jedoch mehr als 70 Vertonungen. Franz Schubert komponierte es im November 1816 für Singstimme und Klavier (D 499). Weitere Vertonungen stammen von Michael Haydn, Carl Orff, Johann Friedrich Reichardt, Othmar Schoeck, Pe Werner und Herbert Grönemeyer.
Kein schöner Land zählt zu den bekanntesten Dichtungen und Kompositionen von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803–1869), einem deutschen Heimatschriftsteller und Volksliedforscher, Dichtermusiker und Komponist, gebürtig aus dem Rheinland und zeitweilig als russischer Prinzenerzieher in Warschau tätig. Neben seiner Mitarbeit an Robert Schumanns Neuer Zeitschrift für Musik sammelte Zuccalmaglio Volkslieder und gab 1840 in zwei Teilen zusammen mit August Kretzschmer die Sammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen heraus. Diese Sammlung enthält auch Die Blümelein, sie schlafen.
Für solch einen geselligen Zweck schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) seine mehrstimmigen Chorlieder, deren erste Folge Sechs Lieder im Freien zu singen zwischen 1834 und 1838 entstanden und 1838 in Leipzig als op. 41 veröffentlicht wurde. Zuerst wollte er ihnen nicht mal eine Opuszahl geben, „weil's denn gar so kleine Tiere sind“ (Mendelssohn) und war von ihrer rasch wachsenden Popularität völlig überrascht, trafen sie doch in der patriotischen Aufbruchstimmung des Vormärz den Nerv der Zeit. Die Lieder entsprachen einem nicht zuletzt von Goethe geprägten Ideal, das den Komponisten im Interesse der Sangbarkeit auf eine strophische Form nach Art eines Volkslieds mit sparsamen Varianten verpflichtete. Mendelssohn blieb dabei aber nicht stehen, sondern hob die Stücke durch eine kunstvolle Satztechnik über die gängigen Konventionen hinaus und erreichte damit eine Volkstümlichkeit im besten Sinne.
Vor diesem Hintergrund ist es eine wahrhaft bittere Ironie, daß ausgerechnet er wegen seiner jüdischen Herkunft – er war der Enkel des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohns – in der Nazizeit verfemt wurde. Den Weg dazu bereitete bereits Richard Wagner 1850 mit seiner Schmähschrift Das Judenthum in der Musik, worin er Mendelssohn meinte, als er schrieb: Was „der gebildete Jude“ auszusprechen habe, „wenn er künstlerisch sich kundgeben“ wolle, könne „nur das Gleichgültige und Triviale sein, weil sein ganzer Trieb zur Kunst ja nur ein luxuriöser, unnötiger“ sei.
Von Herbst 1833 bis Mitte 1835 war Mendelssohn Musikdirektor in Düsseldorf. Nachdem er sich aus dem dortigen intriganten Theaterbetrieb zurückgezogen hatte, konzentrierte er sich auf die Arbeit mit dem städtischen Musikverein, die Aufführung alter und neuer Kirchenmusik von Beethoven und Cherubini sowie die großen Oratorien von Händel und Haydn. Hier begann er auch mit der Komposition seines Oratoriums Paulus. 1835 wechselte Mendelssohn nach Leipzig, wo er die Abonnementskonzerte des Gewandhauses und die dortige Singakademie leitete. Hier führte er die von Robert Schumann in Wien entdeckte Große C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert zum ersten Mal auf. In diese Zeit fiel auch 1837 seine Heirat mit der Cécile Jeanrenaud (1817–1853), Tochter eines Predigers der Französisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt am Main. Mendelssohn lernte sie kennen, als er vertretungsweise 1836 den Frankfurter Cäcilienchor leitete. Fünf Kinder gingen aus dieser Ehe hervor.
Robert Schumann (1810–1856) komponierte die Romanzen und Balladen op. 67 (und op. 75) für den von ihm Anfang 1848 gegründeten Verein für Chorgesang, einen der damals noch nicht sehr zahlreichen gemischten Chöre, denn Männergesangvereine waren die vorherrschende Form des organisierten Chorsingens. Seit 1844 lebte er mit seiner Frau Clara (1819–1896) – einer europaweit gefeierten Pianistin – und einer stetig wachsenden Kinderschar in Dresden. Erst 1847 konnte er dort eine feste Anstellung bekommen als Leiter des Männergesangvereins Liedertafel, dessen Leitung er aber 1848 wieder aufgab, der „ewigen 6/4[Quart-Sext]-Akkorde des Männergesangsstils“ (Schumann) überdrüssig. Die Arbeit mit dem gemischten Chor empfand Schumann dagegen nicht nur klanglich befriedigend, sondern auch als wohltuende Abwechslung zu seiner einsamen Schreibtischarbeit als Komponist (II. Sinfonie C-Dur, Oper Genoveva, Album für die Jugend für Klavier u.a.), deshalb legte er auch großen Wert auf gesellige Zusammenkünfte und Landpartien. Neben den Werken seines Leiters sang der Chor auch Bachs Johannespassion, Händels Oratorium Jephta, Beethovens Missa Solemnis u.a.
In der ersten Folge der Romanzen und Balladen geht es um die Liebe (in der zweiten um den Tod): der Treue bis in den Tod, der gestohlenen, unerreichbaren Liebe, der schmerzenden, gebrochenen, der den Gewalten ausgesetzten vergänglichen und schließlich der nie alternden Liebe. Die Stücke spiegeln aber auch Schumanns Sympathie für die revolutionären Ereignisse 1848/49, was sich sowohl in der volkstümlichen Form des Strophenliedes als auch im Inhalt (Nr. 4, Ungewitter) zeigt. Vor den Straßenkämpfen in Dresden im Mai 1849 flüchtete er aber doch lieber, im Gegensatz zu seinem Komponistenkollegen Richard Wagner, der aber auch zu der Zeit nicht für eine Familie sorgen mußte. Insgesamt war für Schumann die Dresdener Zeit keine glückliche – 1847 starben auch noch der ein gutes Jahr zuvor geborene kleine Sohn Emil und in Leipzig sein Freund Mendelssohn –, so nahm er 1850 die Stelle des Städtischen Musikdirektors in Düsseldorf an.
Nur einige Jahre seines Lebens hatte Johannes Brahms (1833–1897) eine feste Anstellung: in den Herbstmonaten 1857–1859 als Leiter des Hofchores in Detmold, und von 1859–1861 als Leiter eines von ihm gegründeten Frauenchores in seiner Geburtsstadt Hamburg. Für diese Tätigkeit schrieb Brahms ein große Zahl von Volksliedsätzen, die er später als Werke ohne Opuszahl (WoO) veröffentlichte.
Das Sammeln von Volksliedern war ein wichtiges Anliegen der Romantik, erblickte man hier doch jenseits des gesellschaftlich Konventionellen das Ursprüngliche, die Idee des rein Menschlichen ausgedrückt. Die Vorgehensweise dabei wird als "romantische Aneignung" gekennzeichnet: ein Mittelweg, um die Trivialität, die das vorgefundene authentische Material häufig prägte, durch produktive Umgestaltung auszugleichen um so dem eigenen normativ-ästhetischen Anspruch gerecht zu werden. 1806 erschien die von Achim von Arnim und Clemens von Brentano herausgegebene Sammlung Des Knaben Wunderhorn, die vielen Komponisten Stoff für Vertonungen bot, u.a. auch Brahms. Eine andere Quelle für dessen Volksliedsätze war die Sammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen, 1840 herausgegeben von August Kretzschmer und Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio.
Ob es sich bei seinen Vorlagen tatsächlich um authentische Volkslieder handelte, war für Brahms unerheblich. "Über den Streit ‚echt oder unecht' komme ich leicht hinweg." schrieb er in einem Brief. Brahms glaubte an einen Kanon überzeitlicher künstlerischer Werte und nur die Volkslieder erschienen ihm erhaltenswert, die einen ästhetischen Rang beanspruchen konnten. "Ich zeige solche Gedichte und Melodien, die mir schön und gut erscheinen und seit längster Zeit lieb und wert sind," schrieb er zu seiner Sammlung von 49 Deutschen Volksliedern aus dem Jahr 1894 (WoO 33), die seine Auffassung der Bewahrung des Volkslied-Erbes beispielhaft zeigen sollte. Für Sammlungen, bei denen die Authentizität maßgeblich war, wie den Deutschen Liederhort von Ludwig Christian Erk (Berlin 1856), fortgeführt im Altdeutschen Liederbuch von Franz Magnus Böhme (Leipzig 1877) hatte Brahms nur Verachtung übrig: "Ist es denn in der Wissenschaft gar so nötig, daß man [...] jeden Dreck von der Landstraße so breit tritt, wie Böhme dies tut?" heißt es in einem Brief.
Anders als die Volksliedbearbeitungen sind die Chorkompositionen a cappella wie die Drei Gesänge op.42 (1861) sind Werke vokaler Kammermusik von höchstem Anspruch. Das Abendständchen daraus arbeitet mit einer raffinierten Klangspaltung zwischen Männern und Frauen, die quasi in einem rhythmischen Kanon singen.
Als der ungarische Sprach- und Musikwissenschaftler Zoltán Kodály (1882–1967) an seiner Doktorarbeit über die Strophenstruktur des ungarischen Volkslieds arbeitete, mußte er feststellen, daß die vorliegenden Volksliedersammlungen größtenteils keine authentischen Volkslieder beinhalteten, sondern Kunstlieder aus dem 19. Jahrhundert. (So wie die „ungarische Musik“ der Ungarischen Rhapsodien von Liszt oder der Ungarischen Tänze von Brahms auf der von Zigeunerkapellen gespielten Unterhaltungsmusik beruhen.) Deshalb machte sich 1905 Kodály zum ersten Mal auf, authentische ungarische Volkslieder zu sammeln. Für diese Studien interessierte sich Béla Bartók und unternahm daraufhin eigene Forschungen vor. Beide bezogen auch die Volksmusik der angrenzenden Länder wie der Slowakei und Rumänien in ihre Untersuchungen ein. 1907 wurde Kodály Professor für Musiktheorie und bald auch Komposition. Seine Schüler gründeten eine Chorbewegung, deren Ziel es war, die zeitgenössische Musik mit der Volksliedtradition zu verbinden. Mátrai képek entstand 1931 nach Volksliedern aus dem bis zu 1015 m ü.N.N. hohen Mátra-Gebirge im Norden Ungarns. Bei uns ist Kodály vor allem bekannt durch die Suite zu seinem Singspiel Háry János (1926).
Very british! nennt Malcolm Goldring, Vorsitzender der British Federation of Young Choirs und Leiter zweier Chöre (Cavendish Singers und Midland Festival Chorus), seine Satzbearbeitungen von vier traditionellen Liedern von den britischen Inseln. Das erste – I Will give My Love An Apple – geht auf ein Rätsellied aus dem 15. Jh. zurück. Das zweite – The Banks O'Doon –, ein Lied auf den Fluß im äußersten Südwesten Schottlands von 1783, hat einen berühmten Verfasser, den schottischen Nationaldichter Robert Burns. Einige Jahre später schrieb ein Sammler schottischer Balladen und Geigenmelodien die Melodie dazu. The Salley Gardens soll die Nachdichtung (1889) eines alten Liedes sein, das der irische Dichter William B. Yeats von einer Bäuerin im County Sligo (der Heimat des Dichters) im Nordwesten Irlands gehört hatte.
Günther Matthes

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