Plakat zur Uraufführung

Der 1918 erschienene Episodenroman Bracke war in den zwanziger Jahren eines der erfolgreichsten Werke seines Autors Klabund (1890–1928). In expressionistischen Bildern und volkshaften Szenen schildert er das Leben des „Brandenburgischen Eulenspiegels“ Hans Clauert, geboren 1506 in Trebbin, Lehre als Schlosser und Büchsenmacher in Zerbst, Wanderschaft bis nach Ungarn, 1530 Rückkehr nach Trebbin, wo er es „nicht nur zum Ruhm eines Schalksnarren, sondern wegen seiner Klugheit auch zum Mitglied des Rates gebracht hat“ (Johannes Bobrowski). Bis an den Hof des Kurfürsten Joachim II. ist sein Ruf gedrungen und einmal soll er sogar den Landesherrn zugunsten der Trebbiner zum Narren gehalten haben.1566 ist Clauert gestorben, wahrscheinlich ein Opfer der in Trebbin grassierenden Pest. Im Jahre 1587 hat der Stadtschreiber Bartholomäus Krüger bereits ein Buch unter dem Titel Hans Clawerts werkliche Historien herausgegeben.
Im Gegensatz zu Hans Clauert als historischem Vorbild des Romanhelden Bracke ist die Figur des Kurfürsten im Roman eine reine Symbolfigur. Hier hatte Klabund wohl eher an den letzten Hohenzollernkaiser Wilhelm II. gedacht: Mit seiner öffentlichen Aufforderung an Wilhelm abzudanken, erregte Klabund bereits 1917 großes Aufsehen.
Klabund, der seine Werke in schneller Folge „hervorkarnickelte“ – wie sich sein Freund Gottfried Benn ausdrückte – offenbart im Bracke seine Wende von ursprünglicher Kriegsbegeisterung zu einer pazifistischen Grundhaltung. Alle Strömungen seiner Zeit: expressionistische Naturmystik, christliche Heilserwartung, Ideen einer anarchistischen Gesellschaft ohne Machtausübung sowie die Grundannahme, die Gesellschaft durch Erziehung ändern zu können, spiegeln sich in Klabunds autobiographisch gefärbtem Roman. Zwischen Himmel und Hölle, Tartarus und den Neun Musen entfaltet der Roman ein barockes Welttheater. Inmitten darin ein Held, der das Gute will, aber zwischen der auf sich selbst bezogenen Machtentfaltung des Kurfürsten und dem eigenem radikalen Anspruch zerrieben wird.
Über einhundert Mitwirkende setzen das musikalische Grundgerüst aus zwölf korrespondierenden kadenzähnlichen Harmonien in Szene: Ein kleines fünfköpfiges Instrumentalensemble bildet musikalisch die Sphäre des Protagonisten, während das große Orchester die Gegenwelt Brackes aufbaut. Der große Chor ist in allen Szenen maßgeblich wirkende „Person“ (nämlich als das Volk) und gleichzeitig als sich bewegende „Bühnenlandschaft“ in den Welten Brackes (Kleinstadt, Macht, Krieg, Tod) präsent, in denen die Solisten scheinbar die Fäden ihren Händen halten.
Bracke – dreifach besetzt als Kind, erwachsener Mann und Greis – kommentiert und spielt sein eigenes Leben aus der Rückschau. In einem Prolog – und Epilog – melden sich himmlische Mächte zu Wort, die die eigentliche Botschaft Klabunds verkünden: „Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde darfst du beginnen den neuen Weg … Und die Sonne wird strahlen: heller und heißer und holder denn je.“ Brackes Lebensweg, von Wundern begleitet und von den Neun Musen überwacht, führt ihn, der Gewalt unbedingt ablehnt, ins Zentrum der Macht. Als Hofnarr des Kurfürsten hält er diesem den Spiegel vor, versucht ihn durch Eulenspiegeleien zu läutern und zur Aufgabe seines absoluten Herrschaftsanspruchs zu bewegen.
Bracke hat auf seinem Lebensweg zwei Begleiter: Der Conte, ein außerhalb der Gesellschaft stehender Musikus, lebt „von Musik allein“ zwischen Himmel und Unterwelt und nimmt immer die Gestalt an, die die Menschen in ihm erblicken wollen. Der Hauptmann steht als Diener der Macht mitten in der den feudalen Strukturen unterworfenen Gesellschaft und versucht dennoch, eine moralisch integre Haltung zu bewahren. Zwischen beiden Polen bewegt sich Brackes Leben.
Bracke, der schon als Kind mit den Aussätzigen der Gesellschaft verkehrt, setzt in der Auseinandersetzung mit dem Kurfürsten sein Liebstes aufs Spiel: Seine Frau Grieta wird vom Kurfürsten ermordet, der alles ertragen kann, nur nicht der Lächerlichkeit preisgegeben und mit seinem eigenen Schatten konfrontiert zu werden. Dessen Lust an Krieg und Selbstinszenierung verursachen gesellschaftliche Spannungen, die der „große Herrscher“ schließlich nicht mehr erträgt. Von Schwermut geplagt und von der Kurfürstin verachtet, will er letztendlich geliebt werden, auch vom Volk. In einer Art Läuterungsvision sieht er ein neues Geschlecht heraufziehen, dem er nicht mehr Führer sein kann und will.
Der Wendepunkt in Brackes Leben ist erreicht, als der Kurfürst Bracke um den Tod bittet und ihn durch dessen Hand erhält. Bracke, zum Volkstribun erhoben, muß mitansehen, wie ihm die Macht entgleitet und der Pöbel seine geliebte Kurfürstin aufs Schafott führt. Diese Erfahrung macht ihn zum Menschenfeind und ungeliebten Propheten, der nun in gleicher Weise wie vorher der Kurfürst vom Volk gedemütigt wird. Als Eremit und Eigenbrötler macht er sich auf den Weg ins Gebirge, wo sich die Figuren seines bisherigen Lebens zu einem ‘letzten Abendmahl’ versammeln. Hier wird er zum ersten Mal mit seiner eigenen Hoffart konfrontiert: der Platz in der Mitte des Tisches wird ihm – der doch immer ein Heiliger werden wollte – verweigert, weil es ihm an innerer Demut fehlt. Er stirbt als Vagabund im Schnee und bleibt selbst im Tode radikal: Zu den hoffnungsgewissen Klängen des Epilogs stürzt er sich bei der Überfahrt in die Gefilde der unsterblichen Seelen aus Charons schwankendem Boot in den Acheron „und ward nicht mehr gesehen — in diesem und in jenem Leben nicht“.
In Bracke begegnen wir einem Menschen, der seinen Überzeugungen gerecht werden wollte in einer Zeit, deren strukturelle Brutalität und Überlebtheit er als fast einziger empfunden hat. Doch beim Versuch, Gewalt in jeder Form aus dem Weg zu gehen, muß er sich selber auf Gewalt einlassen. Seine Unbedingtheit und sein Glaube, im Besitz einer Wahrheit zu sein, hindern ihn lange daran, dies zu erkennen und die Verantwortung für sein Scheitern zu übernehmen. Diese Parabel vom Umgang mit Macht, eigenem Wahrheitsanspruch und den damit verbundenen Enttäuschungen ist zeitlos und wächst über den historischen Rahmen, in den sie Klabund gestellt hat, hinaus.
Claudia Strauß

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